Sprachreise nach Frankreich

Noch zu DDR-Zeiten verbrachten wir fast in jedem Jahr unseren Sommerurlaub in Ungarn am Balaton. Dort badeten wir ausgiebig und frönten unserem Hobby, dem Angeln. Die Zeltplätze dort waren und sind international belegt. Eines Tages sprach uns eine überaus reizende junge Frau mit französischem Akzent an und fragte, ob wir für ihre Söhne Regenwürmer finden könnten. Das war der Beginn unserer Freunschaft mit Marie-Christine und Guy aus Frankreich. Wir verbrachten gemeinsam einen wunderschönen Urlaub und blieben auch weiterhin in Kontakt. Schon die Tatsache, dass Christine deutsch sprach und wir kein Wort französisch, wurmte uns damals. Nach dem Urlaub holten wir uns ein Französischlehrbuch und versuchten auf eigene Faust, diese Sprache zu lernen. Der Erfolg fiel erwartungsgemäß sehr bescheiden aus. Dennoch blieben wir mit unseren französischen Freunden in engem Briefkontakt und sie kamen uns auch einmal in Berlin besuchen. Wir durften ja nicht ins westliche Ausland reisen und ihren Besuch erwidern.

Jahre später, meine Frau und ich hatten uns mittlerweile getrennt, kam plötzlich und für fast alle ziemlich unerwartet die Zeit der Wende. Nun konnten auch wir reisen, wohin wir wollten. Das Ziel war sofort klar. Ich besuchte einen Französisch-Kurs an der Volkshochschule und brach im Sommer zu unseren Freunden auf. Die Fahrt führte mich nach Ernée, einer kleinen Gemeinde im Département Mayenne in der Region Pays de la Loire. Groß war die Freude des Wiedersehens. Ich bat mir sofort aus, dass wir bitte nur französisch sprechen. Da Christine auch deutsch beherrschte, fungierte sie so ganz nebenbei als lebendes Wörterbuch. Jeden Tag lernte ich hinzu und konnte mich schon bald auch mit Guy unterhalten, der kein deutsch sprach. Das machte mich richtig stolz. Mit der Grammatik war das natürlich so eine Sache, aber auch die ist lernbar. Wir machten wunderschöne Ausflüge, so auch zum Mont Saint-Michel. Christine spornte mich an, meine erworbenen Sprachkenntnisse auch an anderen Menschen zu erproben. So musste ich allein einkaufen gehen (natürlich nicht in einen Supermarkt) und im Restaurant die Bestellung aufgeben. Ein Wörterbuch hatte ich immer dabei und lernte täglich neue Vokabeln, von denen ich merkte, dass sie in meinem Wortschatz noch fehlten.

Den Abschluss meiner „Sprachreise“ bildete eine nette Episode. Christine war Lehrerin und bat mich eines Tages, in ihre Schule mitzukommen. Dort wurde unter anderem Deutsch unterrichtet. Ich wurde gebeten, mich eine ganze Schulstunde lang in der Klasse mit den Schülern auf deutsch zu unterhalten. Plötzlich wurde aus dem Schüler ein Lehrer. Ich erkannte meine Situation im Spiegelbild wieder und sah deutlich die Schwierigkeiten der Schüler, sich in deutsch zu artikulieren. Aber sie waren sehr interessiert und überhäuften mich mit Fragen. Da ich bewusst langsam und akzentuiert sprach, wobei ich meine Wortwahl möglichst auf Basisvokabeln beschränkte (oder auf jene, von denen ich meinte, es wären solche) gelang uns eine Schulstunde, die mir riesig Spaß machte und ich meine, den Schülern auch.